Die Angst vor dem Krebs wird ein Leben lang da sein

Marcel Herzog, Ex-Fussballgoalie (FC St. Gallen)

bei seinem Töchterchen Leni, heute 2 1/2 Jahre alt, wurde mit vier Monaten Krebs diagnostiziert

„Was als Vater in einem vorgeht, wenn das eigene Kind im Babyalter eine solche Diagnose erhält, ist sehr schwer zu beschreiben. Man merkt ja, dass etwas nicht stimmt, ahnt an der Reaktion der Ärzte, dass es nicht harmlos ist. Trotzdem: An einem Tag war noch alles in Ordnung, am anderen sassen wir plötzlich in der Kinderkrebs-Abteilung - und hofften, dass der Tumor in Lenis Hals operierbar war und der Krebs noch nicht gestreut hatte. Total surreal.

 

Am Anfang geht es vor allem darum, die Tatsachen zu akzeptieren. Das ist nicht immer einfach. Aber irgendwann muss man sich dem Prozess stellen, denn flüchten kann man nicht. Ich fand den Gedanken, so ein kleines Baby mit einer Chemotherapie zu „vergiften“ furchtbar, aber es war nötig, damit Leni wieder gesund wird. Der Tumor war zu gross, um ihn zu operieren, hatte aber zum Glück noch nicht gestreut. Dann muss man einen Schritt nach dem anderen gehen. Unsere ältere Tochter war damals fünf. Wir haben ihr erklärt, dass ihre kleine Schwester krank ist und regelmässig ins Spital muss, um gesund zu werden. Während dieser Zeit wünscht man sich nichts mehr als Normalität. Und so blöd das klingt, wird auch der Krebs irgendwann zur Normalität. Am meisten Kraft gaben uns die beiden Mädchen. Leni lachte oft, wir hatten nicht das Gefühl, dass sie nur litt. Interessanterweise schauten wir kürzlich Fotos aus der Zeit an, und fanden wirklich, dass sie krank aussah - was wir, als wir mittendrin waren, nie so wahrnahmen.

 

Klar gab es auch Zeiten, in denen wir haderten und uns fragten, warum das ausgerechnet uns passiert. Wenn man regelmässig auf der Kinderkrebs-Station verkehrt, kriegt man auch mit, dass Kinder sterben, das lässt einen nicht kalt. Trotzdem ist diese Station beeindruckenderweise kein Platz der Trauer, sondern ein Ort der Hoffnung. Leni wird sich zum Glück nicht an diese Zeit und an ihre Krankheit erinnern. Wir haben aber ein Tagebuch gemacht, das wir ihr später einmal zeigen und erklären werden.

 

Es ist nicht einfach, über Krebs zu reden. Das liegt unter anderem daran, dass man vielleicht eine Reaktion provoziert, die man wirklich nicht will: Mitleid. Für mich und meine Frau war es aber immer wichtig, offen  mit dem Thema umzugehen, um zu zeigen, dass es Situationen im Leben gibt, durch die man einfach durch muss. Niemand kann etwas dafür, wenn er krank wird. Und reden hilft. Wir haben auch sehr, sehr viel Unterstützung und Ermutigung erhalten, wofür ich sehr dankbar bin.

 

Wer so etwas erlebt hat, weiss vermutlich die Gesundheit mehr zu schätzen. Sie ist nicht selbstverständlich. Natürlich regt man sich auch immer wieder über kleine Dinge auf, das ist normal. Aber dann besinnt man sich wieder darauf, dass man sich schon sehr glücklich schätzen kann, wenn man selbst gesund ist und die Liebsten auch. Wir sind jetzt in einer Phase, in der wir nichts tun können: Der Tumor ist weg, Leni geht es gut, aber als geheilt gilt sie noch nicht. Und die Angst davor, dass der Krebs zurückkommt, wird wohl ein Leben lang da sein.“

Videobotschaft Marcel Herzog:

Videobotschaft Isabelle von Siebenthal

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