Mein lieber Bruder Luca

 

Am 18. Juli hättest du deinen 21. Geburtstag mit uns feiern sollen. Wir hätten uns bestimmt einen schönen Tag zusammen gemacht, etwas Tolles unternommen, viel gelacht und gut gegessen. Stattdessen versuchen unsere Eltern, Grosseltern, Freunde und ich diesen Tag, an dem wir besonders schmerzlich spüren, wie sehr du uns fehlst, irgendwie zu überstehen. Es ist bereits der achte Geburtstag, an dem wir ohne dich sind, seit du deinen bewundernswerten Kampf gegen den Krebs am 21. November 2010 verloren hast. Als im Herbst des Vorjahres die Diagnose Gehirntumor stand, habe ich nicht in den schlimmsten und schwersten Stunden daran gedacht, dass der Krebs dir wirklich etwas anhaben könnte. Nie hatte ich nur eine einzige Sekunde daran gezweifelt, dass du ihn besiegen würdest.  Auch du selbst bist mutig in den Kampf gezogen, hast dich als unerbittlicher Kämpfer erwiesen und dir nie viel anmerken lassen. Solange es deine Kräfte zuliessen, hast du ein paar Tennisbälle geschlagen, die Schule besucht oder mich sogar noch bei meinen Schulprojekten unterstützt – noch heute muss ich schmunzeln, wenn ich an den verbotenen Zaun denke, über den du geklettert bist, um mir eine Mohnblume für eine Biologie-Arbeit zu ergattern.

Das Allerschlimmste lag jedoch genau darin: Ich konnte nichts für dich tun, ausser dich abzulenken. Ich habe immer probiert, dich nicht spüren zu lassen, dass du krank bist – das war auch gar nicht schwer für mich, denn du warst für mich an erster Stelle einfach mein Bruder: Wir haben uns Bälle im Pool zugepasst, TV geguckt, Brett- und Würfelspiele gespielt sowie deine geliebten Dart-Pfeile geworfen. Ich glaube, wir ahnten beide noch nicht, wie lebensgefährlich dieses Arschloch Krebs sein wird…

In meinem ganzen Leben werde ich jenen Sonntagmorgen nicht vergessen, an dem ich begriff, dass du gehen müssen wirst. Es gibt keine Worte, die diesen unfassbaren Schmerz und die unendliche Traurigkeit, die darauf folgten, beschreiben könnten. Ich als deine grosse Schwester, die dich stets beschützen wollte, konnte meinen kleinen Bruder dieses entscheidende Mal nicht retten. Nie mehr werde ich in deine dunkelgrünen Augen mit den langen schwarzen Wimpern schauen oder durch das von der Chemo lockige Haar wuscheln können, nie mehr Bälle im Pool oder Dartpfeile werfen, gemeinsam Streiche spielen, über das Verliebtsein sprechen oder lachen bis der Bauch weh tut…

Doch viel tragischer, als das, was ich nicht mehr habe, ist all das, was dir, Luca, verwehrt blieb. Zwischen den Chemo-Blöcken bist du, wenn immer möglich, in die Schule gegangen, konntest dann aber nicht mit ins Klassenlager, weil es dir nicht gut genug ging. Irgendwann konntest du nicht mehr Tennisspielen, mit deinen Freunden nicht mehr nach draussen gehen, um Dinge zu unternehmen – deinen besten Freund Tomi hast du nur noch zu Hause empfangen. Du bekamst nicht die Chance, all die Abenteuer und Wirren der Jugendzeit zu erleben, deine Tenniskarriere weiter voranzutreiben, deine Ausbildung abzuschliessen, dein erstes legales Bier zu trinken, deine Volljährigkeit zu feiern und deine erste selbständige Reise zu unternehmen. Während ich all diese Erfahrungen machen darf, bricht es mir jedes Mal wieder das Herz, dass ich dies alleine tun muss und wir diese Meilensteine nicht gemeinsam bewältigen können. Aber auch wenn du nicht mehr physisch bei mir bist:
In meinem Herzen wirst du für immer deinen Platz haben. <3»

In den vergangen bald acht Jahren habe ich gelernt, meinen Bruder Luca im Herzen zu tragen. Ich werde mich stets als grosse Schwester sehen, denn das spezielle Band, welches Geschwister verbindet, besteht noch immer. Luca zeigt mir auf seine eigene Art und Weise, dass er noch irgendwo da draussen ist und dass auch er mich nicht vergessen hat.

Als ich im letzten Sommer zum ersten Mal vom Charity-Event «Race for Life» hörte, stand meine Teilnahme ausser Frage. Ich konnte mir nicht viel Schöneres vorstellen, als gemeinsam mit Menschen, die eine ähnliche Geschichte haben und mit denen mich etwas verbindet, Geld für einen guten Zweck zu sammeln.  Ich entschied mich kurzerhand, in Erinnerung an meinen Bruder ein eigenes Racebook zu eröffnen, Spenden zu sammeln und damit die Krebsforschung zu unterstützen. Ich schrieb zu Beginn vor allem Freunde und Familie an, traute mich im Verlaufe der Sammelaktion aber auch, Nachbarn, Bekannte, Mitstudierende sowie Arbeitskollegen und Social Media um Hilfe zu beten. Ich schlug den Spendern vor, entweder einen Pauschalbetrag zu überweisen oder mich mit einem Betrag pro gefahrener Berner Stadtrunde anzuspornen.

Dann kam der grosse Tag: Am 3. September versammelten sich alle teilnehmenden Velofahrer und Velofahrerinnen vor dem Lufttor auf dem Bundesplatz in Bern. Die Stimmung war sehr emotional und dieses unglaubliche Gefühl der Verbundenheit und grenzenloser Solidarität zwischen Menschen von jung bis alt und aus der ganzen Schweiz, bescherte mir Hühnerhaut. Als wir mit dann noch mit dem gemeinsamen Ruf «HEY KREBS, WIR FAHREN ALLE GEGEN DICH!» auf die erste Runde starteten, konnte ich meine Tränen nur noch schwer zurückhalten.

Bis zum Ende der Sammelaktion im Oktober konnte ich insgesamt 160 Menschen zu einer Spende bewegen, die zusammen den unglaublichen Betrag von 20’ 208.24.- auf die Beine stellten. Mein Ziel, im Namen meines Bruders ein Zeichen im Kampf gegen den Krebs zu setzen, habe ich damit erreicht.

 


Doch auch in diesem Jahr ist das Anliegen der Krebsforschung höchst aktuell und dringlich, weshalb ich mich dazu entschlossen habe, ein zweites Mal am Event teilzunehmen und wieder versuchen werde, möglichst viele Spenden zu sammeln. Ich erwarte dabei nicht, dass meine Unterstützerinnen und Unterstützer möglichst viel geben, sondern dass ich so viele Menschen wie nur möglich dazu motivieren kann, etwas oder schlicht einfach das, was sie können, zu geben. Am schönsten ist nämlich das Gefühl von Solidarität, Zusammenhalt und bedingungsloser Unterstützung.

«Race for Life» bedeutet für mich also einerseits, die Krebsforschung dabei zu unterstützen, eine Möglichkeit zu finden, die diesem Monster die Macht über uns nehmen kann und zur Heilung aller betroffenen Menschen verhilft. Andererseits möchte ich auch diejenigen Menschen ehren, die ihren Kampf trotz starkem Wille verloren haben. Die Erinnerung an sie und ihr Licht - in meinem Falle das meines Bruders – werden nie erlöschen. Deshalb heisst es für mich nicht nur «Race for Life», sondern auch «Race in Remembrance».

Ich hoffe, liebe Leserinnen und Leser, ihr seid dieses Jahr zahlreich dabei und unterstützt die Krebsforschung und mich – sei es mit einem Spendenbetrag oder einem kräftigen Tritt in die Pedale!

Wenn ihr meine persönliche Sammelaktion «Race for Luca – Round #2» direkt unterstützen möchtet, gelangt ihr mit dem folgenden Link zu meinem Racebook:   https://fundraise.raceforlife.ch/projects/race-for-luca-round-2



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