Er zerfiel vor meinen Augen

Stefan Roos, Musiker,

verlor seinen Vater mit 59 Jahren an Speiseröhrenkrebs

 

„Ein paar Tage vor Weihnachten erhielt mein Vater die Diagnose Speiseröhrenkrebs - keine Heilungschancen, für eine Operation war der Krebs schon zu weit fortgeschritten, noch gut ein Jahr zu leben. Er war 58 Jahre alt. Das war ein Riesenschock. Er war kerngesund, stark, unternehmungslustig, voller Zukunftspläne. Mit 62 wollte er sich pensionieren lassen und das Leben geniessen. Als ob wir es gespürt hätten, waren meine damalige Freundin und heutige Frau Karin, mein Vater und ich im November zuvor erstmals gemeinsam in den Ferien, eine Woche in Ägypten. Dass er dort keinen Appetit hatte, schob ich auf eine Magenverstimmung. Trotzdem gingen wir nach der Rückkehr zum Arzt, und erhielten diese Hammer-Diagnose. Für mich brach eine Welt zusammen. Ich war vom ersten Gespräch mit den Ärzten über jede Chemotherapie bis zum letzten Atemzug bei ihm. Dass er keine einzige Nacht im Spital verbringen musste, war mir wichtig.

 

Bei so einer Diagnose ohne Chance auf Heilung klammerst du dich an jeden Strohhalm. Ich habe nächtelang gegoogelt, alle alternativen Therapien probiert. Es hat nichts genützt. Mein Vater war ein 90-Kilo-Mann voller Lebensfreude, ein Mann wie ein Bagger. Er zerfiel innert kürzester Zeit vor meinen Augen. Am Schluss war er ein Häufchen, das ich auf meinen Armen ins Bad getragen habe. Es war eine schlimme, aber auch eine wunderschöne, sehr intensive Zeit. Wenn du weisst, dass die gemeinsame Zeit begrenzt ist, besprichst du zusammen Dinge, die du sonst als Vater und Sohn wohl nicht diskutierst. Wir haben versucht, alles noch so gut zu geniessen, wie es geht. Ich erinnere mich gut, wie er im Garten noch die Sonne genoss, noch die Tomaten und Kiwis aus dem Garten probierte.

 

Karin und ich waren bereits seit zehn Jahren zusammen, als die Diagnose kam. Ich fragte sie kurze Zeit später, ob sie meine Frau werden möchte. Ich wollte unbedingt, dass mein Vater bei der Hochzeit dabei ist. Am 16. Januar 2004 haben wir uns verlobt. Am 20. August haben wir zivil geheiratet, am 18. September kirchlich. Bis zu diesem Datum hat sich mein Vater aufgerafft, hat alle seine Energie da reingesteckt. Ab dem Tag nach der Hochzeit ging es bergab, zweieinhalb Monate später starb er. Bei der Abdankung trug er den Anzug, den wir ihm für die Hochzeit gekauft hatten - als Baumaschinenmechaniker hatte er zuvor nicht oft im Leben einen Anzug getragen. Die letzten paar Tage waren furchtbar, da habe ich gebetet, dass er endlich gehen darf. Ich habe ihm Morphin gespritzt, das war alles, was ich noch machen konnte. Sein Tod war schlussendlich eine Erlösung.

 

Mein Vater war einer der wichtigsten Menschen in meinem Leben, wir hatten eine sehr enge Beziehung. Meine Eltern waren geschieden, ich bin mehrheitlich mit ihm aufgewachsen, wir waren ein Herz und eine Seele. Wer jung und gesund ist, denkt, das Leben geht für immer, dass man ewig Zeit hat. Und wenn du plötzlich jemanden bei dir hast, der eben keine Zeit mehr hat, bringt das alles total durcheinander. Wir haben nach der Diagnose gemeinsam eine Bucket List erstellt mit all den Dingen, die er noch machen wollte. Einfache Dinge: Ins Südtirol die blühenden Apfelbäume anschauen, auf die Insel Mainau die Rosen. Wir haben sie Punkt für Punkt abgehakt. Leider klappte nicht alles. Was ich heute weiss: Mach die Dinge heute oder spätestens morgen und rede nicht nur davon, denn irgendwann ist es zu spät. Meine Kinder hat mein Vater nicht mehr kennen gelernt. Ich denke heute oft, was er für ein toller Grossvater wäre für die beiden.

 

Wenn ich wählen könnte, würde ich gern mit achtzig an einem Herzinfarkt sterben. Leider sieht die Realität anders aus. Und wenn man mich fragt, wovor ich am meisten Angst habe, sage ich: Dass er meine Familie oder mich trifft. Noch einmal möchte ich das nicht erleben.“

 

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