Einen Moment lang habe ich gedacht: Jetzt ist es vorbei

Thomas Leuenberger alias Baldrian, Komiker,

erkrankte vor sechs Jahren an Leukämie

  

Es war während eines Engagements im Circus Roncalli in Köln, als ich merkte, dass etwas mit mir nicht stimmte. Ich hatte keine Kraft mehr in den Beinen, konnte kaum mehr Velofahren. Zuerst dachte ich an eine extreme Pollenallergie. Aber als ich immer schwächer wurde, schickte mich meine Frau zum Arzt. Zum Glück, denn ich hatte bereits in einem fortgeschrittenen Stadium Leukämie - jede Verletzung hätte Schlimmeres bedeuten können. Der Schock war gross. Erst dachte ich jetzt ist es vorbei und wollte bereits aufgeben. Denn als ich in der fünften Klasse war, wurde bei meiner Mutter Krebs diagnostiziert. Die Krankheit war schwer für uns als Familie. Irgendwann kam der Punkt, an dem man sah, dass es nicht gut kommen würde. Ich war sechzehn als sie starb. 

 

Als ich ein Tag nach der Diagnose in die Uniklinik Köln, eingewiesen wurde, haben die Ärzte unterstützende Worte gefunden. Sie sagten, ich solle Vertrauen haben in die Fachkräfte und die Behandlung, mein Umfeld sei jetzt wichtig und ich solle auch meine Selbstheilungs- kräfte aktivieren. Mir und meiner Frau hat es geholfen, diesen Weg mutiger anzugehen. Ein Arzt sagte gar, wenn ich da durch sei, sei ich danach noch der bessere Clown. Das nahm ich mir zum Ziel.

 

Drei Tage später wurde ich mit der Rega von Köln direkt ins Inselspital Bern geflogen und in die Isolation verlegt. Für mein Umfeld war es ein grosser Schock. Genau wie für meine Kollegen im Zirkus, von denen ich mich nicht mal verabschieden konnte. Tage später titelte die „Bild“-Zeitung „Roncalli-Star ringt mit dem Tod“, das schockierte mich. Wer von so etwas betroffen ist, hat erstmal andere Sorgen als sich von der medialen Öffentlichkeit eine Negativ-Prognose stellen zu lassen.

 

Ich ging durch drei Chemo-Therapie-Zyklen, bei denen man je einen Monat lang in einem Isolierzimmer bleiben musste. Ich hatte viele Nebenwirkungen, wie hohes Fieber, Wasser auf der Lunge und war insgesamt acht Monate lang arbeitsunfähig. Meine Frau und meine Familie waren eine grosse Stütze für mich und sie wichen nicht von meiner Seite.

 

Während der Krankheit führte meine Frau für unser Umfeld einen Blog über meinen Zustand da ich nicht die Kraft hatte, selbst mit allen zu telefonieren. Für Besuche fühlte ich mich oft zu schwach. Freunde konnten auf dem Blog Kommentare hinterlassen, welche ich immer wieder gerne las und mir so dabei die Zeit vertrieb. Ich habe regelmässig in den verschiedensten Gefühlslagen fotografiert und gefilmt, in der Vorahnung in irgendeiner Form dieses Material später brauchen zu können. Zudem war es für mich ein wichtiges Verarbeitungs- instrument.

 

Trotz der Situation habe ich meinen Humor nicht verloren. Mit meiner Frau konnte ich weinen und zwischendurch, auch in unmöglichen Situationen, lachen. Es tut gut für alle Beteiligten, in solch anspruchsvollen Zeiten, Momente der Leichtigkeit erleben zu dürfen. Dazu habe ich, wenn ich die Kraft hatte, mir ab und zu bei der Ärztevisite einen Spass erlaubt. Mein Bett wurde so zur Bühne. Einmal trug ich über meiner Glatze eine Perücke und sagte ich hätte einen dringenden Coiffeur Termin. Ärzte und Pflegepersonal haben frischfröhlich losgelacht. Ich behaupte, Humor aktiviert Selbstheilungskräfte und tut dem Patienten und dem Fachpersonal gut.

 

Natürlich gab es auch Stunden, in denen ich haderte, wenn ich so schwach war, dass ich nicht mal aufstehen konnte. Dann hatte ich auch Angst davor zu sterben. Was mir etwas Gelassenheit gab ist die Tatsache, dass ich mit meinem Leben bisher schon sehr zufrieden bin und nicht das Gefühl habe, ich hätte etwas verpasst.

 

Ich verstehe, wenn man als Betroffener nicht über die Krankheit sprechen möchte. Man wird schnell abgestempelt, das habe ich selbst gemerkt. Ich bin selbstständig und auf regelmässige Aufträge angewiesen. Selbst als ich wieder gesund war, wollten mich zu Beginn viele potentielle Auftraggeber nicht „belästigen“. Es dauerte eine Weile, bis die Leute kapierten, dass ich wieder gesund bin.

 

Heute muss ich lediglich noch einmal pro Jahr zur Kontrolle, brauche keine Medikamente und bin wieder wie vor der Krankheit gesund. Angst, dass der Krebs zurückkommt, habe ich keine.

 

Ich gehe heute alles etwas gemütlicher an, geniesse das Leben noch bewusster. Ich liebe es jedes Mal auf der Bühne zu stehen. Ich weiss zwar nicht, ob ich einen besseren Clown geworden bin, doch ich konnte aus dieser anspruchsvollen Zeit etwas Sinnvolles mitnehmen. Ich hatte nach meiner Krankheit das Bedürfnis Betroffenen mitzuteilen, was ich erlebt habe und wollte dadurch einen Beitrag leisten, wie man solche Zeiten nicht nur über sich ergehen lassen muss, sondern selbst seine Ressourcen einsetzen kann. Jeder geht anders mit der Krankheit um - aber jeder hat eine Ressource, die hilft. Bei mir wars der Humor. Und er ist es immer noch.

 

 

 

 

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